In der bundesrepublikanischen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gibt es inzwischen durchaus einen Konsens zur Notwendigkeit einer konsequenten Mobilitätswende, wenn die verbindlich vereinbarten Treibhausgasminderungsziele eingehalten werden sollen. Die Mobilität ist bis zu ihrem teilweisen coronabedingten Shutdown der einzige große Emissionsbereich, der keine deutlichen CO2-Reduktionen aufweisen konnte. Die nachhaltige Energiewende ist daher auf eine Mobilitätswende angewiesen.

Gleichzeitig ist die praktizierte Mobilität für die Bewohner*innen des Landes Teil ihrer Identität, Lebensqualität und der wirtschaftlich geforderten Realität des Arbeits- und Lebensalltags. Die Beharrungskräfte der praktizierten Mobilität, der gebauten Infrastruktur und Mobilitätswerkzeuge sind enorm.

Der Hinweis der sozialwissenschaftlichen Mobilitätsforschung auf den großen Handlungs- und Forschungsbedarf nicht nur im Bereich technologischer Entwicklungen, sondern auch hinsichtlich notwendiger Verhaltensänderungen, hat aber zu keinen durchgreifenden Veränderungen geführt.

Das große Reallabor der coronabedingten massiven Veränderungen der Rahmenbedingungen für Mobilität ist nun eine große Chance, die Veränderungsbereitschaft der Menschen in Richtung nachhaltiger Mobilität empirisch zu untersuchen. Es geht uns darum, die Bedeutung von coronabedingten Ernstfallsituationen als Testfall und Lernchance für eine veränderte Mobilitätspraxis zu erforschen.

Das Projekt „Mobilitätsskeptiker*innen“ soll eine Zulieferung für das von der Stiftung Mercator geförderte Projekt zur fachlichen und institutionellen Begründung einer sozialwissenschaftlichen Mobilitätsforschung darstellen. Dafür werden zuerst die relevanten qualitativen Forschungen zu Verhaltensänderungen in der Nutzung von Mobilitätwerkzeugen der letzten Jahre erfasst und ausgewertet. Kernstück des Projekts sind qualitative Interviews mit Menschen, die der Mobilitätswende in Zeiten von Covid-19 skeptisch gegenüberstehen. Dabei wird einerseits erforscht, welche Gründe hinter dieser Skepsis stehen und welche verschiedenen Milieus an Skeptiker*innen sich aufzeigen. Andererseits geht es um die Vorstellungen und Ideen dieser Milieus darüber, wie die zukünftige Entwicklung verlaufen sollte und wie Skeptiker*innen für die Mobilitätswende gewonnen werden können. Auf Basis der Interviewergebnisse werden konkrete Empfehlungen für die lebensweltliche und situationsadäquate Ansprache der Mobilitätswendeskeptiker*innen abgeleitet.

Laufzeit: 11/2020 – 12/2020
Auftraggeber: Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung gGmbH
Mitarbeiter*innen: Prof. Dr. Hans-Liudger Dienel (Projektleitung), Elisabeth Dienel, Phoebe Fuhrmann, Milena Groß
Partner: Martin Schlecht (TU Berlin)

Foto: Tim Hüfner  / Unsplash